Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern. Ich war immer noch an einer großen Tauchschule namens Manta Dive angestellt und managte dort recht erfolgreich ein kleines, zugehöriges Restaurant. Es war Montag und die News über das gefühlt so weit entfernte COVID-19 aka Corona häuften sich auch in Indonesien. Es gab ein Emergency Meeting: die Buchungen sind eingebrochen bzw. fast die Hälfte der Buchungen in der kommenden Woche wurden storniert. Ich denke mir noch, dass es vermutlich in der nächsten Zeit ein wenig ungemütlich wird und mache mich an die Arbeit: das Menü umschreiben. Durch die erhöhten Beschaffungsbedingungen von Waren auf einer kleinen Insel lohnt es sich nicht, das ganze breite Menü zu fahren, welches wir eigentlich anbieten. 

Tag 2 – vielleicht brauchen wir auch weniger Personal.

Den vorherigen Abend habe ich mit einem Sundowner am Strand ausklingen lassen – weit entfernt von jeglichen Medien (übrigens einer der Gründe, warum ich das temporäre Inselleben gewählt hatte). Es gibt ein zweites Emergency Meeting: 90% der Buchungen des nächsten Monats sind storniert. Mir wird mulmig, mein erster Gedanke geht an mein geliebtes Indo-Team (auch, wenn sie mich manchmal zur Weißglut treiben). Blitzschnell wird mir klar, dass mein Job sicherlich während der nächsten Zeit auf Eis liegt, das genaue Ausmaß habe ich jedoch noch nicht begriffen. Ich mache mir Gedanken um meine Jungs. Mit einem Durchschnittslohn von 2.500.000 IDR/Monat (etwa 160 Euro) bleibt ihnen auch im günstigen Indonesien nicht viel zum sparen. Ich bekomme die erwartete Information, dass wir das Team nicht mehr voll zahlen können werden. Ich mache Schichtpläne – ein Rotationssystem, dass jeder etwa gleich viel arbeitet und verdient.

Meine Gedanken sind gut, die Entwicklung jedoch nicht.

Am nächsten Tag kommt das unerwartete Aus: die Buchungen sind für Monate storniert und aktuelle Gäste reisen direkt ab. Die Ansage von oben: wir schließen für mehrere Monate. Mir ist schlecht. Wenig später gibt es eine neue Regelung vom Inseloberhaupt: die Gilis schließen komplett für 2 Wochen. Mir ist noch schlechter und ich frage mich wirklich, wer diesen Zeitrahmen festlegt. Ich glaube ihn nicht und es zeigte sich, dass die Gilis fast 4 Monate später immer noch nicht offen sind. Meine Jungs glaubten ihn schon.

„Ist ok, Tanja. Ist wie zwei Wochen Urlaub. Dann sind wir alle wieder da“ sagt Wira, einer meiner balinesischen Jungs. Ich lächle ihn an und frage mich, woher dieser grenzenlose Optimismus bei den Indonesiern kommt. Behutsam erkläre ich ihm, dass er trotzdem so viel wie möglich ab sofort sparen muss – da es vielleicht sogar länger als zwei Wochen dauern könnte. Meine Aufreißerbande Huki, Dedi und Zuki (auch die „Lazy Boys“ genannt) haben eine andere Vorgehensweise: nachdem wir zusammen das Restaurant dicht gemacht haben, ziehen sie ihre Angelruten hervor und fangen an, direkt vor dem Restaurant zu fischen. „Wenn wir jetzt keine Barkeeper mehr sind, sind wir eben Fischermänner. Wir müssen vielleicht nur ein bisschen üben.“ Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, muss lachen und schlendere zurück zur Tauchschule. Gegen vier fährt unser Indo-Team nach Lombok – es sollte ein letztes Mal sein, dass ich ihnen vom Steg aus zuwinke und eine gute Heimreise wünsche.

Geisterinsel Gili Air

Wir schreiben mittlerweile den 24.03., in Deutschland wird die Ausgangssperre verhangen. Auf den Gilis langweilen wir uns zu Tode. Das E-Mail Postfach quillt über vor Rückerstattungsanfragen – wir haben noch keine Lösung, wie wir das handeln sollen. Die Kunden sind verständlicherweise sauer, aber wenn wir alle Kosten zurückerstatten ist das Unternehmen hinüber. Wir warten auf die Ansage vom Investor – das ist nicht unsere Entscheidung. Am Tag der Schließung sind 75% unseres 20-köpfigen Expat Teams abgereist – zurück nach Hause. Wir sind noch zu fünft und verbrauchen die Lebensmittel, die uns die anderen dagelassen haben. Ich öffne das Restaurant, jedoch nur, um uns ein paar Bintang zu holen. Wir sitzen rund um die Tauchschule und es passiert – nichts. In Stunden kommt nicht eine einzige Person vorbei. Wir erwarten keine Touristen, aber selbst viele der Expats sind nach Hause. Am Nachmittag die erschreckende Neuigkeit: die Boote zu den Gilis werden bis aufs Minimum eingestellt, selbst wir dürfen nicht kommen und gehen. Die Lebensmittelanlieferung erfolgt ab sofort nur noch 1x pro Tag von einem ausgewählten Lieferanten – dieser platziert die Lebensmittel an einem klar deklarierten Platz im Norden der Insel.

Corona in Indonesien. Leere Strände auf Gili Air.
Keiner da. Leere Strände auf Gili Air im März 2020.

Wie lang dauert dieses Corona?

Ich schaue Dillon, einen meiner Freunde an, und frage ihn: „Was denkst du, wie lang das dauert? Zwei Monate?“ Er zuckt mit den Achseln und erwidert typisch übertrieben amerikanisch „Es ist eine Pandemie. Die Welt wird sich verändern, das wird Jahre dauern. Wir müssen Lebensmittelvorräte aufstocken!“

Ich denke an all die Bilder, die ich online von zuhause gesehen habe: leere Einkaufsregale, Leute mit 20 Packungen Klopapier. Für ein wenig übertrieben halte ich das ganze schon, habe aber auch durchaus Respekt vor der Entwicklung (ob Corona oder die Ansichten der Menschheit, das sei mal dahingestellt). Zusammen beschließen wir trotzdem, nach Bali zu gehen, aus folgenden Gründen:

  1. Bali hat einen Flughafen. Was auch immer sein sollte, du bist in einer Stunde Fahrtzeit dort.
  2. Bali hat ein extrem viele Ressourcen, v.a. was den Reisanbau betrifft
  3. Bali hat eine bessere hospitäre Versorgung. Ich war in sowohl in Bali, als auch in Lombok im Krankenhaus und Bali gewinnt hier haushoch.

Gesagt, getan. Aber da war noch was: Dragonsnack. Mein kleines, geliebtes Fellknäuel kann ich unmöglich zurücklassen. Wir haben zwar die verrückte Katzenlady, aber ich bringe es einfach nicht übers Herz. Am nächsten Tag packen wir unsere Sachen (und Dragonsnack) und machen uns auf die Reise – es sollte tatsächlich der letzte Tag sein, an dem man die Gilis noch ohne Angabe von Gründen verlassen „darf“.

Eine Schifffahrt, die ist lustig…

… aber definitiv nicht die von Lombok nach Bali. Unser Tag sieht wie folgt aus: 7.00 Uhr Abfahrt Gili Air nach Bangsal (Hafen in Lombok). Bangsal nach Lembar (Hafen der großen Fähre) mit dem Taxi, Dauer ca. 2 Stunden. Erstaunlich günstig ist die Fähre: 45.000 IDR (3 Euro) für die 6-stündige Überfahrt nach Bali. Komfortabel ist etwas anderes und auch die fehlenden Masken der Mitfahrenden lassen mich nicht unbedingt sicherer fühlen.

Corona in Indonesien. Eine gesunkene Fähre von Lombok nach Bali.
Crazy Fact: wenige Tage später ist eine Fähre am Hafen gesunken – und verlängert durch den fehlenden Andockplatz die 6-stündige Fahrt aufs Doppelte.

Es ist gegen 16 Uhr, als wir in Padang Bai, Bali ankommen. Jetzt noch schnell ins Taxi gehüpft und gegen 18 Uhr sind wir dann auch in Ubud – erschöpft, verschwitzt und tiefen Abdrücken der Masken im Gesicht. „Lass uns jetzt noch schnell 500.000 Dosenvorräte kaufen“ meint Dillon. Es kann sein, dass er nicht 500.000 gesagt hat, aber meine Laune hätte gut dazu gepasst. Ich schicke ihn alleine los.

Der nächste Tag gestaltet sich schon wesentlich freundlicher. Ausgeschlafen und mit neuer Energie versuche ich mich am „positiv denken“. Gar nicht so leicht, wenn man gerade seinen Job, seine Wohnung und seinen Lebensmittelpunkt verloren bzw. verlassen hat. Trotzdem sehe ich Bali als neue Chance – ein Rückflug nach Hause wäre für mich keine Option gewesen. Ich weiß nicht wieviele Anrufe ich erhalten habe. Vielleicht 10? Vielleicht 20? Viel besorgte Familienmitglieder und Freunde – was ich sehr schätze. Aber alle mit der gleichen Bitte:

Komm doch lieber nach Hause!

Es ist nicht so, dass die Ansätze nicht verstehen würde. Ich habe auch mehrere Expats in Bali kennengelernt, die sich auch direkt nach Hause begeben haben – obwohl diese zum Teil schon länger als ich im Land waren. Die Gründe, die für mich sprachen waren folgende:

  1. Ich bin nicht direkt gefährdet. Wissenschaftliche Fakten und Verschwörungstheorien hin oder her, ich lege Wert auf ein gesundes Maß an Social Distancing und bin die ersten 2 Monate auch nur für Lebensmitteleinkäufe aus dem Haus. Daher hielt ich meine Ansteckungsgefahr gering und – selbst wenn – meine Überlebenschancen ohne Krankenhaus für ziemlich hoch. Denn das indonesische Gesundheitssystem ist der einzige Grund, den ich auch als Heimflug-Grund unterzeichnen würde. Da ich aber weder zur Risikogruppe gehöre, noch mich verantwortungslos verhalte, scheidet dieser Grund für mich aus.
  2. Das Leben zuhause ist viel teurer. Ich habe keine Wohnung in München und als Freelancer ist es schwierig eine zu bekommen, mal unabhängig davon, wie ich 800 Euro zahlen soll, die die Hundehütten in München kosten. Nahrungsmittel als auch monatliche Fixkosten wie Wohnung, Internet etc. sind in Indonesien einfach deutlich erschwinglicher.
  3. Die Flüge nach Hause sind unfassbar teuer. Mit guten 1.500 Euro ist man schon dabei, wenn man zu Corona Zeiten nach Hause fliegen will. Für den Notfall sicher kein Problem. Aber da ich zuhause genauso wenig einen festen Job habe, was sollen die Vorteile sein?
  4. Das Wetter ist schlechter. Social Distancing hin oder her – ich kann trotzdem jeden Tag 28° auf meinem Balkon geniessen. Oder lange, einsame Spaziergänge in den Reisfeldern machen.
  5. Angst vor dem Kulturschock „Heimat“. Nach 1,5 Jahren unterwegs bin ich immer wieder verwundert, wenn ich Geschichten von zuhause höre. Wildfremde Menschen beleidigen dich, weil du nicht schnell genug einparkst – oder zu nah im Supermarkt an ihnen vorbei gehst. Nach über einem Jahr Indonesien fällt es mir sehr schwer, mich daran zurück zu erinnern. Wie soll es dann erst werden, die ganze Grantigkeit zu Hause zu ertragen?

Schlussendlich bleibt es jedem selbst überlassen, diese Entscheidung für sich zu treffen. Nach fast 4 Monaten auf Bali kann ich jedoch sagen, dass ich die Entscheidung für mich optimal getroffen habe. Aktuell ist die Lage relativ entspannt – es gibt schon seit Anfang an eine Maskenpflicht, die auch ohne Motzen und Ausnahmen eingehalten wird. Große Veranstaltungen sind verboten und werden auch größtenteils nicht angeboten (außer ein paar verrückten Hippie-Expats). In jedem Laden gibt es Desinfektionsmittel und an manchen Straßeneinfahrten wirst du aufgehalten, um dir auch dort die Hände zu desinfizieren. Die Zahlen in Bali selbst sind gering – aber hey. Wir sind immer noch in Indonesien. Wieviele es tatsächlich sind, wird man hier eh nicht erfahren.Aktuell ist eine Wiedereröffnung für Tourismus im Oktober geplant. Ich werde berichten, wie sich die Lage weiterhin entwickelt! (Juli, 2020)

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